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Wandré Rock Oval


kunst ist die religion der freiheit

Setzt man den Begriff „Vintage“ mit „Alt & Teuer“ gleich, dann gibt es nur eine Handvoll Gitarren des sogenannten Vintage-Zeitalters (ca. 1950 bis 1970), die in die Phalanx der großen amerikanischen Hersteller einbrechen konnte. Und wenn es ihnen gelang, dann auch nur, weil bekannte Musiker sich ihrer bedient hatten. So gehört eine Framus Attila Zoller sicherlich dazu, ebenso wie der Höfner 510 "Beatles-Bass". Dass aber ausgerechnet eine italienische Gitarre ganz oben auf den Listen der Gitarrensammler zu finden ist, ist mehr als bemerkenswert. Zumal diese Gitarre - eine Wandré Rock Oval - nicht etwa als Musikinstrument, sondern vor allem als Design-Objekt in Erinnerung geblieben ist. Nicht umsonst hat das amerikanische Magazin Guitar Player die Wandré Rock Oval vor einigen Jahren als die „schrillste und schrägste Gitarre aller Zeiten“ gekürt.

Geh aus dem Weg!

Antonio 'Wandré' Pioli (Foto: cavriago.blogspot.com)
Antonio 'Wandré' Pioli (Foto: cavriago.blogspot.com)

Antonio Pioli wurde am 6. Juni 1926 in Cavriago in der Region Reggio Emilia geboren, irgendwo auf dem Land zwischen Parma und Bologna. Von Kindesbeinen an hatte er in der Schreinerei seines Vaters Roberto mitgearbeitet, der auch Geigen und Kontrabässe baute und ein exzentrischer Mensch gewesen sein muss. In seiner Geburtsurkunde ist als zweiter Name Vandrí eingetragen, den Antonio in Wandré umschrieb, als er 14 Jahre alt war und der als sein Hauptname in die Geschichte eingehen sollte.  Das beschauliche Leben der Piolis änderte sich abrupt durch den 2. Weltkrieg, in dem Cavriago in hohem Maß von Faschisten dominiert wurde. Gerade mal 14-jährig, schloss sich Antonio der regionalen Widerstandsbewegung an. Hier begann er erstmals, seine handwerklichen Fähigkeiten kreativ einzusetzen, in dem er aus Kuhhörnern spitze Gegenstände fertigte, die nachts auf die Straßen geworfen wurden, um die Reifen der Faschisten-Konvois zu zerstören. Nach dem Krieg arbeitete er lange Jahre als Maurer und Bauleiter, erst Ende der 50er Jahre begann er, sich mit Kunst im Allgemeinen und dem Bau von Gitarren im Speziellen zu beschäftigen.

Wandré, wie er sich schon lange selbst nannte, war einer der wenigen italienischen Gitarrenbauer dieser Zeit, die nicht aufgrund von Erbfolgen den Gitarrenbau erlernen mussten. Er entschied sich aus freien Stücken, quasi aus einem reinen, künstlerischen Bedürfnis dazu, Gitarren neu zu erfinden und alte Konzepte von Grund auf in Frage zu stellen. Die Maxime „Kunst ist die Religion der Freiheit“ zog sich fortan durch seine Arbeit, wie auch durch sein bewegtes Leben. 

Wandrés "Runde Fabrik" in Cavriago
Wandrés "Runde Fabrik" in Cavriago

Wandré begann in den 1950er Jahren seine Zusammenarbeit mit den bekanntesten Gitarrenherstellern Italiens, insbesondere mit Athos Davoli, dessen große, trapezförmige Tonabnehmer auf nahezu allen Wandré-Gitarren zu finden sind. Wandré hatte 1959 zudem eine eigene Produktion in seinem Heimatort Cavriago aufgebaut – natürlich nicht in einer normalen Fabrikhalle, sondern in einem innovativen, modernen Gebäude mit der rundlichen Form eines Donots, dessen Innenwand komplett aus Fenstern bestand, die auf einen üppigen Garten blickten, der von einer Regenwasser-Sammelanlage gewässert wurde. 

Hier in der "Runden Fabrik" sind die ca.  35.000 Instrumente entstanden, die in den 1950er und 1960er Jahren in alle Welt exportiert wurden, die meisten davon interessanterweise in die Niederlande und nach Argentinien.

 

Wandré baute sowohl unter seinem eigenen Namen, aber auch für die Eigenmarken seiner Vertriebe, weshalb die Verwirrung um seine Instrumente recht groß ist. Wandré-Gitarren sind z. B. unter den Labels Davoli (Italien), Framez (von Meazzi, Italien), Noble (USA), Orpheum (USA), Dallas (England) und andere erschienen. Zur allgemeinen Verwirrung trug auch die Tatsache bei, dass das gleiche Modell bis zu fünf verschiedene Modellbezeichnungen gehabt haben konnte.

ROck Oval

Praktisch alle Gitarren aus Wandrés Produktion zeichnen sich durch eine Vielfalt an Formen, Ausführungen, ungewöhnlichen elektrischen Features, ungewöhnlichen Materialien und innovativen Bauweisen aus. Die Produktion von Wandré hatte nur die eine Konstante – dass es keine Konstante gab! Vielleicht bis auf eine: Die Hälse der Instrumente waren in der Regel eine Konstruktion aus einer Aluminium-Schiene mit einer Plastik oder Fiberglas-Rückseite. Die meisten seiner Gitarren waren Hollowbody-Typen, das Gros hatte Plastik-Bodys, obwohl er auch mit Fiberglas experimentierte – wohl inspiriert von den Supro-Gitarren des amerikanischen Herstellers Valco.

Wandré Rock Oval (Foto: D. Storck/Musik Media)
Wandré Rock Oval (Foto: D. Storck/Musik Media)

Die Rock Oval, vielleicht das Flaggschiff aus Wandrés Labor, bringt alle Eigenschaften, die eine typische Wandré-Gitarre mitbringt, auf den Punkt.  Nicht umsonst wurde diese Gitarre öfters den Reichen und Schönen der 1960er und 1970er Jahre bei Foto-Shootings in die Hand gedrückt. Ein gutes Beispiel liefert auch der französische Künstler Pascal Colrat, der bei seiner Foto-Interpretation des berühmten Gemäldes der 'Marianne' von Eugène Delacroix (1830), jener Symbolfigur der französischen Revolution, seiner neuzeitlichen, bedrückend schönen 'Marianne' eben eine Rock Oval in die Hand drückte. Gitarren statt Waffen...

'Marianne' von Eugéne Delacroix
'Marianne' von Eugéne Delacroix
'Marianne' von Pascal Colrat
'Marianne' von Pascal Colrat

So verrückt, wie diese Gitarre auf den ersten Blick aussieht, so deutlich ist sie jedoch in vielen ihrer Eigenschaften als typische Wandré zu identifizieren – mit Eigenschaften, die eben viele Wandrés hatten. Z. B. gehörten diese wie geheimnisvolle Zeichen aussehenden Griffbretteinlagen zur Serienausstattung des Wandré-Programms. Das unsymmetrische Oval im dritten Bund trägt das Wandré-Logo, der fünfte Bund bringt ein afrikanisch anmutendes Bild eines Löwen (das Wahrzeichen von Cavriago), im siebten ist eine stilisierte Papyrusrolle mit dem Modellnamen, im neunten eine Art angefressenes Rechteck, im zwölften Bund so etwas wie ein Propeller, im 15. eine Krone, in der hier – warum auch immer - „Export“ steht.

Konstruktion

Die Rock Oval ist eine Semiakustik-Gitarre mit einem hohlen Korpus aus Fiberglas, der an den Seiten schmal zuläuft, sodass die Gitarre wie eine Solidbody wirkt. Ein Arrangement von Blau, Rot, Gelb und Schwarz, durchwoben mit goldenem Glitzerstaub, stellt die ungewöhnliche Lackierung dar. Der Alu-Hals ist auf diesen recht großen Korpus geschraubt, ebenso wie die gewinkelte Kopfplatte seitlich an den Hals geschraubt ist – wie fast immer bei Wandré ein Alurahmen mit einem Centerstück aus Palisander. Die beiden Davoli-Pickups sind in das eckige, „floating“ Schlagbrett montiert und die Saiten laufen über einen für die damalige Zeit sehr innovativen Steg, der nicht für in der Höhe, sondern auch für die Oktavreinheit Einstellungsmöglichkeiten bietet. Eine besondere Augenweide stellt die Regler-Einheit dar: bunte Knöpfe auf einer erhaben montierten, verchromten Ebene. Das Vorhanden einer 6,3mm-Klinkenbuchse deutet darauf hin, dass diese Rock Oval nicht die erste Generation dieses Modells darstellt, sondern die zweite – vermutlich aber die dritte, die zwar in keinen Unterlagen auftaucht, aber in ihren Features mit den beiden ersten nicht gänzlich übereinstimmt. Die Gitarre war im Katalog mit einem „deep cutaway“ beschrieben – was noch moderat ausgedrückt erscheint, denn es ist im Prinzip ja gar kein Cutaway vorhanden, da der untere Body-Teil einfach amputiert und erbarmungslos dem Design geopfert wurde. 

Trotz ihrer ungewöhnlichen Optik lässt sich die Rock Oval, die von ca. 1960 bis etwa 1966 gebaut wurde, sehr gut spielen – vorausgesetzt, man hat sie umgehängt! Der Hals hat ein kräftiges, leicht V-förmiges Profil, die Saitenlage ist perfekt und der Klang voll, rund und musikalisch. 

Wandrè Weg!

Dennoch werden Wandré-Gitarren äußerst selten auf den Bühnen gesehen, Buddy Miller ist einer der wenigen Prominenten, die Wandrés einsetzen. Diese Zurückgezogenheit hat nicht nur damit zu tun, dass diese Gitarren so extrem anders aussehen, sondern auch, dass eben nicht so viele gebaut worden sind. Wandré Pioli hängte das Gitarrengeschäft nämlich Ende der 60er Jahre an den Nagel, gerade bevor die japanische Invasion den Gitarrenmarkt auf den Kopf stellten sollte. Er verkaufte 1970 seine runde Fabrik und stellte sich einem neuen Tätigkeitsbereich: Dem Design und der Herstellung von kunstvoller Leder-Bekleidung.

 

Eine Wandré Lederjacke
Eine Wandré Lederjacke

Ende der 80er Jahre konzentrierte sich Wandré dann auf Body Art – einer modernen Art einer Performance, bei der er seinen Körper wie ein Musikinstrument spielte... Gleichzeitig eröffnete er eine Galerie und reiste um die Welt, um Künstler zu treffen und Ausstellungen zu organisieren. Im Alter dann ruhiger geworden, hatte er sich später in Cavriago niedergelassen  – umgeben von eigenen und fremden Kunstwerken. Der Mann, dessen Leben als im wahrsten Sinne des Wortes frei schaffender Künstler als Partisan in den italienischen Bergen begann und ihn über eine Karriere als Maurer, Bauingenieur, Gitarrenbauer, Designer von Leder-Bekleidung zum modernen Performance-Künstler und Gallerie-Besitzer führte, verstarb im Alter von 78 Jahren 2004 in seinem Heimatort.

Den Freunden seiner Gitarren bleibt als Andenken natürlich seine Werke als Gitarrenbauer, die aber leider nur ab und zu im Handel auftauchen – und wenn, dann zu hohen Preisen. Die Rock Oval wird von Kennern auf mindestens 10.000 € Sammlerwert geschätzt, mein Freund und Wandré-Maniac Scott Freilich (R.i.P) aus Buffalo/NY  sagte, er hätte schon Rock Ovals für mehr als 15.000 $ angeboten gesehen.

Es bedarf eines kompletten Buches, um die gesamte Bandbreite des Schaffens von Wandré Pioli abzudecken, ein Buch, das der Italiener Marco Ballestri, ein sehr bekannter Wandré-Sammler und im Hauptberuf Chirurg, 2014 vorstellte.

Unter diesem Link kann das mit viel Sorgfalt geschriebene Buch bestellt werden!

Weitere Infos können in einer liebevoll recherchierten Story auf YouTube nachgehört werden: https://youtu.be/nvdgA7JYGAM

 

Dieser Artikel erschien in einer früheren Version erstmals in Gitarre & Bass


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