· 

Copycats With a Twist: DigiTech S-Series


Die coolere Ratte, der bessere Tube Screamer, der bluesigere Blues Driver, das heissere DS-1 und das noch heissere HM-2?

Kopierte DigiTech damals einfach zu offensichtlich? Ist das der Grund, warum die so genannte S-Serie DigiTechs bis heute unter dem Radar der Pedal-Szenerie fliegt? Denn weder SammlerInnen noch Sound-KennerInnen erzählen von erhöhtem Blutdruck bei einer Begegnung mit diesen Pedalen.

Und das kam so: DOD war die einzige amerikanische Firma, die die japanische Invasion der 1970er Jahre überlebte. Electro Harmonix, MXR, MuTron und andere mussten die Segel streichen. DOD war die innovativere Company, die genau wie die Japaner früh auch in Digitaltechnik investierte.

 

Die moderne Facette innerhalb DODs wurde so erfolgreich, dass das Management beschloss, extra dafür eine Subdivision zu gründen. Diese nannte man DigiTech - und hier erschienen z. B. Doppel-Pedale, Multieffektpedale, aber auch 19“-Gitarren- und Studio-Equipment. Zwei Firmenwechsel später war selbst Mutterfirma DOD Geschichte, während DigiTech 2007 als die stärkere Marke weitergeführt wurde.

Die S-Serie kam 2004 in das DigiTech-Programm und wurde anfangs noch in den USA gebaut. Aber es dauerte nicht lange, da verlegte der Hamann-Konzern, dem DOD und DigiTech angehörten, die Produktion nach China. Schaltung, Komponenten und Materialen blieben gleich, und so auch der Sound. Wir haben also zwei Herstellungsländer, aber auch zwei Gewichtsklassen!

Es gibt DigiTech Pedale dieser Serie, die mehr als 600g wiegen, aber auch welche, die nur rund 330g auf die Waage bringen. Die Schwergewichte scheinen gleichermaßen aus USA und China zu kommen, während die leichten vermutlich allesamt chinesischer Abstammung sind. Ich vermute, dass in den ersten chinesischen Produktionsreihen noch Reste der US-Gehäuse aufgebraucht wurden, ehe die Produktion auf leichtere Gehäuse eines anderen Suppliers umgestellt wurde.

Die fünf Zerr-Pedale, die die S-Serie ausmachen, hatten bei ihrem Erscheinen tatsächlich nur ein Ziel: Den erfolgreichen Klassikern anderer, insbesondere japanischer Hersteller das Wasser abzugraben.

Dazu kopierte man nicht nur die Schaltungen, sondern selbst - bis auf eine Ausnahme - die Farben der jeweiligen Originale. Das blaue Screamin´ Blues eiferte dem BOSS Blues Driver nach, das orangefarbene Hot Head dem BOSS DS-1, das grüne Bad Monkey dem Ibanez Tube Screamer TS9 und das schwarzrote Death Metal dem BOSS MT-2. Lediglich das DigiTech Grunge weicht äußerlich von seinem klanglichen Vorbild ab. Aber dieses Pedal hat im Gegensatz zu den anderen eben auch seine eigene, spannende Geschichte, die in Auszügen weiter unten erzählt wird. In diesem Kontext ist das Grunge aber auch nichts anderes als nur eine schamlose Kopie eines anderen Pedals, der ProCo The Rat.

Dennoch haben diese Pedale ihre Existenzberechtigung. Und zwar, weil sie die kopierten Schaltungen um einige, wenige Features erweitert haben, die aber durchaus Sinn machen. So besitzen sie eine getrennte Bass- und Treble-Regelung, was zum einen ihren Einsatzbereich ungeheuer erweitert (Stichworte: Bass, Keyboards) und zum anderen mit der Kritik an dem ein oder anderen Original aufräumt, denen zu wenig Bassanteile angekreidet wird.

Und ein weiteres Feature ist allen S-Pedalen gemein: Neben dem Amp- existiert ein zweiter Ausgang, der mit ‚Mixer‘ gekennzeichnet ist. Tatsächlich kann hier das Signal parallel zum Amp-Output frequenzkorrigiert abgegriffen und zu einem Mischpult etc. geleitet werden. Hier wird dank eines steilflankigen Tiefpass-Filters ein Teil der Höhen gekappt, sodass ein durchaus brauchbarer DI-Sound erreicht wird, dessen Höhen nicht unangenehm ätzen. Und ja - es gibt durchaus Situationen, in denen man dankbar für solch eine Funktion sein darf. Z. B., wenn der Verstärker seinen Geist aufgibt…

DBM bad monkey

Der Bad Monkey ist ein Low- bis Mid-Gain-Overdrive. Tatsächlich basiert der Bad Monkey auch auf einer Version des Ibanez TS-9-Schaltkreises mit einem U1a-OP, einem 4558-Typ, der mit der gleichen Grenzfrequenz (720Hz) wie im TS-9 arbeitet. Auch der Tone-Stack für den Mitten- und Treble-Bereich hat die identische TS-9-Grenzfrequenz. Aber: Der Bad Monkey kann mit einem zusätzlichen Bass-Regler auftrumpfen. Mit diesem Detail umschifft DigiTech elegant ein häufig zu hörendes Negativum des Ibanez Klassikers - die relativ starke Bass-Absenkung. Besonders Singlecoil-Spieler fühlen sich klanglich oft zu wenig unterstützt. Dank seines Bass-Einstellers ist der DigiTech Bad Monkey in der Tat der bessere Tube Screamer, denn er ist damit vielseitiger einsetzbar und stellt auch für Bass-Verzerrung eine prima Alternative dar.

 

Bad-Monkey-Gläubige preisen auch seine Eigenschaft als großartiger Booster - also ‚Gain‘ auf Null und ‚Level‘ weit auf -, um einen Röhrenverstärker oder andere Drive-Pedale anzublasen. Auch hier macht sich der Bass-Regler zur Anpassung an die unterschiedlichsten Setups positiv bemerkbar.

screamin' blues

Schön bluesig kommt hier nicht nur die Farbe, sondern auch das Apostroph im Namen rüber - wir erinnern uns da gerne an Howlin´ Wolf, Screamin´ Jay Hawkins, Lightin´ Hopkins und einige andere mehr, die den Blues mit einem Apostroph im Namen spielten. 

 

Auch hier wird eine vorhandene erfolgreiche Schaltung, und zwar die des BOSS Blues Driver, kopiert und durch einen zusätzlichen Bass-Regler erweitert, der die Flexibilität des Screamin’ Blues enorm erweitert. Denn wie bei allen Overdrive-Pedalen dieser Art werden auch in dieser Schaltung die Bässe vor der eigentlichen Übersteuerung merklich ausgedünnt, damit der verzerrte Sound durchsichtig und möglich definiert bleibt. Eine gut klingende Bass-Absenkung ist aber auch immer von Grad der Übersteuerung abhängig. Deshalb sind hier fest eingestellte Filter wie beim Original eine recht unflexible Lösung. Beim DigiTech-Pedal kann der Bassanteil separat geregelt werden und ermöglicht dadurch individuelle Anpassungen an Singlecoil- und Humbucker-Gitarren oder an unterschiedliche Amps.

hot head & death metal

Ihre Farben verraten sowohl das Hot Head wie auch das Death Metal. Das orangene Das Hot Head ist nichts anderes als ein verkapptes BOSS DS-1, das Death Metal ein HM-2 in schwarzroter Tarnkappe. Die Schaltungen sind zwar etwas diffiziler gestrickt und bieten erweiterte Frequenzgang-Features, aber die Unterschiede zu vernachlässigen.

 

Bei beiden sorgt eine aktive Klangregelung, realisiert mit einem Eintransistor Gyrator und OP, dafür, dass man die wichtigen Bässe anheben bzw. absenken kann; und so etwas können die BOSS Pedale eben nicht.


grunge

Eine Sonderstellung nimmt das DigiTech Grunge ein, denn hierzu gibt es eine eigene Vorgeschichte.

 

1993 veröffentliche DOD ein Distortion-Pedal mit dem Namen Grunge - und der Rest ist Pedalgeschichte. Mitten in der aufkommenden Blüte des Grunge aus Seattle traf DOD damit voll ins Schwarze, und man verkaufte damals etwa 2000 Grunge-Pedale monatlich. Als dann Kurt Cobain in einem MTV-Interview das Grunge-Pedal in die Kamera hielt und es als Grundlage seines Sounds anpries, stiegen die Verkäufe zeitweise auf unfassbare 8000 Stück pro Monat. Dabei hatte Cobain das Grunge zwar auf seinem Board liegen, aber dennoch lieber die BOSS-Pedale DS-1 und SD-1 getreten.

 

2007 überführte DigiTech das berühmt gewordene Grunge mitsamt seinem an die Graffiti-Kultur angelehnten Design in seine S-Serie, während die Marke DOD parallel dazu in der Versenkung verschwand. 

 

Die Schaltung des Grunge orientiert sich an der der ProCo The Rat. Dessen Gain-Struktur nebst typischem Hochpass-Charakter wurde nahezu kopiert und von DOD/DigiTech dann mit eigenen Filtern und einigen anderen Modifikationen ergänzt.

Klanglich entspricht das Grunge der zweiten Version des DOD Grunge FX69B - eben ein heftiges Distortion-Pedal mit einem gescoopten Mittenbereich.

mein fazit

Wer auf der Suche nach den klassischen Sounds von The Rat, Ibanez Tube Screamer TS-9 und den BOSS-Pedalen BD-2, MT-2 und DS-1 ist, aber eine getrennte Regelung der Bässe und Höhen sinnvoll findet sowie einen zusätzlichen, frequenzkorrigierten „Not-Ausgang“ zu schätzen weiß, der sollte sich diese Pedale zulegen. Zumal sie auf dem Gebrauchtmarkt deutlich günstiger zu bekommen sind als ihre Vorbilder.


Kommentar schreiben

Kommentare: 0